4.8                  Mehlschwalbe, Delichon urbica

 

Status:

Brutvogel im gesamten Kreis Ravensburg mit ca. 5000 Brutpaaren. Teilweise deutlich sinkende Tendenz in den letzten zehn Jahren. Heimzug von Anfang April bis Mitte Mai. Wegzug ab Mitte August bis Mitte September. Der Wegzug ist deutlich stärker ausgeprägt als der Heimzug.

 

Brutverbreitung im Landkreis Ravensburg:

Mehlschwalben besiedeln (noch) fast alle Bereiche des Kreisgebietes, in denen Siedlungsflächen und/oder landwirtschaftliche Betriebe vorhanden sind. Das Schussenbecken (Schuster et al. 1983, Heine et al. 1998) war (ist ?) dichter besiedelt als das Allgäu.

Die Daten von Hund (1974) aus dem westlichen Kreisgebiet lassen dort eine flächendeckende Besiedlung vermuten.

 

Abb. 1 Verbreitung der Mehlschwalbe

 

Brutbestand:

UTM-Rasterkartierungen (1988) ließen einen Brutbestand von ca. 5000 Paaren vermuten. Diese Zahl konnte durch Kartierungen aus mehreren Jahren bestätigt werden (4860 BP).

Wegen rückläufiger Bestandsentwicklung scheinen ca. 4000 BP den aktuellen Stand zu repräsentieren.

Bei der Erfassung von 426 Hofstellen zwischen 1991 und 1995 konnten insgesamt 303 BP festgestellt werden. Außerdem waren 71 leere Mehlschwalbennester vorhanden. Je Hofstelle ergibt dies 0,7 BP. Die Schwankungsbreite reicht dabei von 0 BP bis max. 16 BP an einer Hofstelle.

 

Auswahl von Brutpaarzahlen an verschiedenen Brutorten:

 

1971                       33 BP                    Riedhausen (R.Mörike)

                                  4 BP                    Königseggwald (R.Mörike)

                                  4 BP                    Guggenhausen (R.Mörike)

1972                       43 BP                    Riedhausen (K.Hund)

1973                       31 BP                    Riedhausen, davon 17 in Kunstnestern (R.Mörike)

1984                       12 BP                    Argenbühl-Gerazreute (G.Heine)

1988                       40 BP                    Bad Wurzach-Schwanden (Schneider 1993)

                                53 BP                    brüten in Nestern um Goldehub (aus Ornika88)

1991                       12 BP                    Alttann (Ornika91)

1991-1995              303 BP                   Schwalbenkartierung durch NABU Wangen (s.o.)

1993                         8 BP                     Argenbühl, Fuchshof (G.Lang)

1994                         7 BP                     RV-Oberhofen (G.Segelbacher)

1995                       30 BP                    Guggenhausen (R.Mörike)

                                50 BP                    Einzelhof Goldehub (Ornika95)

                                60 BP                    Mochenwangen (Ornika95)

1996                         7 BP                     Bodnegg (Ornika96)

 

 

Bestandsentwicklung:

Eine negative Bestandsentwicklung beschreibt Schneider 1993. Er bezeichnet die Mehlschwalbe als einen häufigen Brutvogel der 1960er Jahre. Mittlerweile seien die meisten Brutstätten dem “teutonischen Sauberkeitsfimmel zum Opfer gefallen”. Ähnlich äußern sich Heine & Lang 1983: „Im Jahre 1981 wurden an einer Brutkolonie in Mooweiler 16 Nester entfernt, teilweise mit Jungen!“

Umfragen bei Mitarbeitern im Jahre 1993 brachten ebenfalls Rückgänge zum Vorschein. Ortlieb nennt ca. 500-700 BP auf 400 km2 mit rückläufiger Tendenz. Segelbacher und Merten stufen die Entwicklung um Bodnegg als rückläufig ein. Ege konstatiert für Kißlegg und Leutkirch sinkende Bestandszahlen. Nieß nennt für das Karbachtal Veränderungen von früher 15-25 BP auf jetzt (1993) nur noch 2-3 BP.

 

 

Siedlungsdichte:

Im Rahmen der Kartierungen wurden 690 ha Fläche bearbeitet, wobei 134 Mehlschwalben angetroffen wurden. Daraus ergibt sich eine max. Siedlungsdichte (berechnet auf die besiedelte Fläche) von 19,4 BP/km2. Dieser Wert liegt noch weit unter dem Bodenseewert von 61 Revieren/km2.

 

Aussagekräftiger scheint das Ergebnis der Schwalbenkartierung 1991-95 mit 0,7 BP je kontrollierter Hofstelle, wobei in 426 Hofstellen 303 brütende Mehlschwalben erfaßt wurden. Von diesen 426 Hofstellen waren 85 mit Mehlschwalben besiedelt (3,6 BP/besiedelte Hofstelle).

In den 85 Hofstellen mit Mehlschwalben brüteten auch 297 Rauchschwalben.

 

Abb. 2 Mehlschwalbennester an Hofstellen

Bei 77 Höfen lag die Zahl der Nester zwischen 1 und 9, an acht Stellen waren zehn und mehr Nester vorhanden.

Heine, Lang & Siebenrock, (1994)  geben die durchschnittliche Zahl der Nester aus 25 größeren Kolonien mit 7,3 Nestern an.

 

Großflächendichte:

Der Dichtewert aus der UTM-Rasterkartierung (1988) mit 3,4 BP/km2 deckt sich nahezu mit dem ermittelten Wert aus allen 190 Kartierungen (4500 ha) mit 3,0 BP/km2 und dem Wert für das Allgäu (540 km2) mit 3,7 BP/km2. Die Großflächendichte bleibt somit wohl unter 5 BP/km2.

 

Jahreszeitliches Auftreten:

Ausgewertet wurden 1223 Beobachtungen mit 15629 Ex. in 338 Rasterfeldern.

Heimzug: Die mittlere Erstankunft aus den Jahren 1988-97 fällt auf den 10. April, in der Bodenseeregion dagegen bereits auf den 6. April (Heine et al. 1998). Innerhalb des Landkreises Ravensburg ist ein deutlicher Unterschied bei der Erstankunft zwischen dem Schussenbecken und dem Allgäu festzustellen. Für das Allgäu ist die mittlere Erstankunft der 26. April. Aus dem Monat März gibt es keine Beobachtungen, Ende Mai ist der Heimzug abgeschlossen.

 

 

 

Abb. 3 Pentadensummen der Mehlschwalbe

 

Wegzug: Der Anstieg der Pentadensummen Ende Juli hängt wohl mit umherstreifenden Jungvögeln zusammen, wie dies auch Bezzel 1993 [i] mit Dismigrationserscheinungen beschreibt. Möglicherweise erklärt diese Dismigration auch das Pentadenmaximum von 500 Ex. Ende August. Der eigentliche Wegzug beginnt Anfang September und ist Mitte dieses Monats auch abgeschlossen. Aus dem Oktober liegen 32 Beobachtungsdaten vor. Im November sind es zwei Daten, davon eines aus dem Jahr der Schwalbenkatastrophe (1974), das andere aus dem Jahre 1993.

 

Die größte Ansammlung von Mehlschwalben waren ca. 500 Ex. am 25.8.1995 über Wilhelmsdorf (R.Mörike). Bisher gibt es nur 26 Daten von Trupps mit über 100 Mehlschwalben.

 

Die fünf jahreszeitlich frühesten Beobachtungen:

6.4.1990                 1 Ex.                       Wangen, Argen (M.Schweighöfer)

7.4.1995                 1 Ex.                       Argenbühl, Staudachweiher (M.Schweighöfer)

7.4.1995                 1 Ex.                       Baienfurt (Ornika)

8.4.1996                 5 Ex.                       Alttann (Ornika)

10.4.1988               2 Ex.                       WG-Neuravensburg (G.Lang)

 

Die fünf jahreszeitlich spätesten Beobachtungen:

5.11.1974               2 Ex.                       Wangen (K.-H.Siebenrock)

1.11.1993               1 Ex.                       Weingarten (Ornika)

21.10.1997             1 Ex.                       Ebenweiler (Ornika)

20.10.1996             1 Ex.                       Witschwende (A.Schaefer)

20.10.1974             5 Ex.                       Riedhausen (R.Mörike)

 

 

Keine Daten vom Dezember sowie Januar, Februar und März

 

Gefährdung:

Brutplätze der Mehlschwalbe fallen immer wieder Renovierungsarbeiten an Gebäuden zum Opfer. Allerdings sind auch viele Hausbesitzer stolz auf “ihre” Mehlschwalbenkolonie und bewahren diese liebevoll.

 

Schutz:

Durch das Anbringen künstlicher Nisthilfen kann der Bestand meist angehoben oder gefestigt werden.

 

Fragestellungen/Anregungen:

Langfristige Kontrollen bestimmter Gebiete, z.B. auf TK-Quadranten-Basis, wären erwünscht. Die Zahl der Nester läßt sich auch in den Wintermonaten mit geringerer Beobachtungsaktivität leicht ermitteln.

Leider gibt es keine großflächig durchgeführten Bestandserhebungen in regelmäßigen Abständen.

 

Größere Ansammlungen mit über 500 Individuen wurden bisher nicht beobachtet, weshalb im August/September verstärkt auf diese Vogelart geachtet werden sollte.

 

Erfassungsprobleme:

“Normale” Rasterkartierungen, also das Beobachten von Mehlschwalben zur Brutzeit, bringt möglicherweise ein falsches Bild des Bestandes mit sich, denn die exakte Zuordnung zu den Brutplätzen ist dadurch unmöglich.

 


 



[i] Bezzel (1993): Kompendium der Vögel Mitteleuropas

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