Bund Naturschutz Oberschwaben
Bund Natur und Umweltschutz Deutschland
Naturschutzbund Deutschland Kreisgruppe Ravensburg
Landesnaturschutzverband Arbeitskreis im Lkr. Ravensburg

Rohrsee - Resolution

Georg Heine
Am Engelberg 5
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  • Die Ornithologen Oberschwabens verfolgen mit großer Sorge eine seit zwei Jahren anhaltende negative Bestandsentwicklung mehrerer Brutvogelarten am Rohrsee. Einen besonders drastischen Einbruch gibt es beim Brutbestand des Schwarzhalstauchers, wo zu befürchtet ist, daß das größte Brutvorkommen in Baden-Württemberg ganz zum Erliegen kommt.

    Der Grund für den Rückgang muß in der ökologischen Situation des Sees gesucht werden, da der Zusammenbruch nicht mit natürlicher Bestandsfluktuation zu erklären ist. Das ökologische Gefüge des Naturschutzgebietes Rohrsee hat sich in den letzen Jahren durch zu großen Eintrag von Dünger derart verschlechtert, daß in Zeiten ungünstiger Witterung und Niedrigwasserstand (z.B. Mai 1998) mit einem größeren Fischsterben zu rechnen ist. Nach einen Zeitungs-Bericht (SZ 12.6.1998) lag der pH-Wert im Mai bei bis zu 10,55.

    Da der Rohrsee mit seinem außergewöhnlichen Vogelreichtum zu den wichtigsten Naturschutzgebieten Baden-Württembergs zählt, und deshalb als ein "Gebiet von Internationaler Bedeutung" einzustufen ist, muß alles unternommen werden die ökologische Situation des Sees wieder zu verbessern.

    Gemeinsam mit den Naturschutzverbänden Oberschwabens schlagen die Ornithologen mit dieser Resolution Alarm und fordern die zuständigen Behörden zu raschem Handeln auf.

  • Bedeutung des Rohrsees
    Der Rohrsee zählt zusammen mit dem Wollmatinger Ried und dem Federsee zu den bedeutendsten Vogelschutzgebieten Süddeutschlands. Seit Mitte der 1960er Jahre wurden am Rohrsee über 230 Vogelarten nachgewiesen. Neben der hohen Bedeutung des Sees als Rastplatz durchziehender Vogelarten auf dem Heim- und Wegzug (vor allem von Limikolen), brüten, bzw. brüteten in den vergangen 10 Jahren am Rohrsee folgende Arten der Roten Liste:

    Drosselrohrsänger
    Flußregenpfeifer
    Krickente
    Löffelente
    Neuntöter
    Rohrschwirl
    Schwarzhalstaucher
    Schnatterente
    Tafelente
    Tüpfelsumpfhuhn
    Wasserralle
    Zwergrohrdommel

    Schwarzhalstaucher
    Der Schwarzhalstaucher zählt in Baden-Württemberg zu den vom Aussterben bedrohten Vogelarten (Thielcke & Hölzinger 1987). Das Brutvorkommen am Rohrsee mit durchschnittlich 25 Brutpaaren in den vergangenen 16 Jahren, ist das größte Vorkommen in Baden-Württemberg bzw. Süddeutschland. Mit ca. 100 Brutpaaren gab es am Rohrsee im Jahr 1965 das bisher größte Einzelvorkommen der Art.

    Tab 1 Entwicklung des Brutbestandes beim Schwarzhalstaucher

    Jahr 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998
    BP 8 31 11 8 31 14 15 19 22 12 32 27 48 29 60 1 1

    Abb 1 Schwarzhalstaucher - Entwicklung des Brutbestandes am Rohrsee.

    Der nahezu vollständige Rückgang auf nur noch ein Brutpaar seit 1997 zeigt, daß im ökologischen Gefüge des Sees nachteilige Veränderungen stattgefunden haben. Nach dem Heimzug im Frühjahr 1997, konnten am Rohrsee 25 balzende Paare beobachtet werden, von denen jedoch nur 1 Paar zur Brut schreitete. Im gleichen Jahr waren aber alle anderen Brutplätze in Oberschwaben normal belegt. Der nahezu komplette Zusammenbruch der Brutpopulation kann somit nicht mit natürlicher Bestandsfluktuation erklärt werden.

    Für das Verschwinden der 25 balzenden Brutpaare im Jahr 1997 kommen nach unserer Auffassung folgende Gründe in Frage.

    Abb. 2 Schwarzhalstaucher - Jahreszeitliches Auftreten am Rohrsee nach Pentadenmaxima in den Jahren 1990-96 (hell) und dem Jahr 1997 (dunkel).

    In der Regel läßt sich am Rohrsee bis August die gesamte Population der Schwarzhalstaucher beobachten. Für die Vermutung, daß das Verschwinden der Schwarzhalstaucher mit der starken Algenblüte in Zusammenhang steht, spricht die jahreszeitliche Verteilung aus dem Jahr 1997 (rote Balken), wo nach Mitte Mai nur noch Einzelbeobachtungen gelungen sind.

    Der Heimzug findet von Mitte März bis Ende Mai statt. Während dieser Zeit kommt es am Rohrsee regelmäßig zu Ansammlungen von über 100 Individuen. Die größte Beobachtung der vergangenen 30 Jahre war am 30.5.1993 mit 150 Ind. (R.Ortlieb). Zusammen mit dem Bodensee ist der Rohrsee für den Schwarzhalstaucher das bedeutendste Durchzugsgebiet im Alpenvorland.

    Die schlechte Nahrungssituation am Rohrsee gefährdet den Rastplatz Rohrsee nicht nur für den Schwarzhalstaucher.

    Lachmöwe
    Das einst größte Brutvorkommen Oberschwabens mit 2000 Brutpaaren und darüber ist in den vergangenen Jahren auf ein Zehntel geschrumpft. Der aktuelle Brutbestand 1998 beträgt ca. 200 Paare. Nach einem starken Rückgang seit Beginn der 1990er Jahre auf 500 - 800 Brutpaare ist der Bestand ab 1996 nochmals ganz erheblich kleiner geworden. Die Anzahl erfolgreicher Bruten hängt sowohl am Rohrsee wie auch an den anderen Brutstandorten sehr stark vom Wasserstand ab. Bei Niedrigwasser sind die Nester vielfach für den Fuchs zugänglich, bei Hochwasser können nur höher gelegene Nistplätze belegt werden.

    Abb. 3 Lachmöwe - Entwicklung des Brutvorkommens am Rohrsee.

    Ursachen der Veränderung

    Eutrophierung
    Eine zu starke Eutrophierung durch Eintrag von Dünger und Gülle gepaart mit einem niedrigen Wasserstand führt zu enormer Algenblüte. Durch das Absinken der Sichtweite unter Wasser sinkt die Verfügbarkeit von Nahrung soweit ab, daß mit der Brut nicht begonnen werden kann und das Gewässer verlassen wird.

    Niedrigwasserstand
    Der Rohrsee ist extrem flach. Schadstoffkonzentrationen können bei dem geringen Wasservolumen schon durch kleine Einträge eine enorme Steigerung erfahren. Ebenso kann die Wassertemperatur bei entsprechender Witterung stark ansteigen und das Algenwachstum übermäßig begünstigen.

    Störungen
    Wir gehen davon aus, daß Störungen durch menschlichen Einfluß (Fischerei, Jagd, Badebetrieb Festbetrieb und Freizeitbetrib) während der Brutzeit weitgehend ausgeschlossen werden können. Nach unseren Beobachtungen haben die störenden Einflüsse in den vergangenen Jahren während der kritischen Zeit (Balz, Brut und Jungenaufzucht) für den Schwarzhalstaucher nicht extrem zugenommen.

    Weiterführende Literatur

    Thielcke, G. & J. Hölzinger (1987): Rot Liste der gefährdeten Vogelarten in: J.Hölzinger: Die Vögel Baden-Württembergs. Gefährdung und Schutz Bd. 1.1 247-258. Stuttgart (Ulmer).
    Prinzinger, R., (1979): Der Schwarzhalstaucher . NBB 521. Wittenberg-Lutherstadt (A.Ziemsen).
    Bauer, H.-G. & P. Berthold (1996); Die Vogelwelt Mitteleuropas: Bestandsentwicklung und Gefährdungsursachen; Aula Verlag Wiesbaden.
    Heine, G. & K.H. Siebenrock (1988b): Entstehung und Entwicklung einer Lachmöwenkolonie (Larus ridibundus) am Schwarzen See. Mitt. der AG-Naturschutz Wangen 4:33-36.
    Heine, G., G. Lang & K.H. Siebenrock (1994): Die Vogelwelt im württembergischen Allgäu. Orn.Jh.BaWü. Bd.10 353 S.
    Leuzinger, H. (1976): Inventar der Schweizer Wasservogelgebiete von internationaler und nationaler Bedeutung. Orn. Beob. 73: 147-194.
    Schneider, A. (1992): Ornithologia Wurzachiensis, Vierzig Jahre im Dienste der Vogelwelt des Wurzacher Rieds. Orn.Jh.BaWü. Bd.8 132 S.
    Schuster, S., V. Blum, H. Jacoby, G. Knötzsch, H. Leuzinger, M. Schneider, E. Seitz, P. Willi (1983): Die Vögel des Bodenseegebietes. Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee. Konstanz.
    Zwiesele, H. (1923-24): Die Wasservögel Oberschwabens, insbesondere des Bodenseegebietes. Schallwellen 1923-24. Schussenried.

    Die Resolution zum Schutze des Rohrsees wird unterstützt von:
    BNO - Bund Naturschutz Oberschwaben
    1. Vorsitzender Pater Agnellus Schneider Salvatorkolleg Bad Wurzach
    BUND - Bund Natur und Umweltschutz Deutschland
    Geschäftsführer Naturschutzzentrum Ravensburg Ulfried Miller
    NABU - Naturschutzbund Deutschland Kreisgruppe Lkr. Ravensburg
    1. Vorsitzender Karl Henzler Aulendorf
    LNV - Landesnaturschutzverband Arbeitskreis im Lkr. Ravensburg
    Georg Heine Wangen


    Naturschutz heute – Ausgabe 2/00 vom 28. April 2000  
    Rohrsee/Oberschwaben: NABU für Jagdverbot in Schutzgebiet
    Großangelegte Wasservogeljagden beeinträchtigen eines der bedeutendsten Naturschutzgebiete Süddeutschlands. Mit seiner 52 Hektar großen Wasserfläche ist der Rohrsee bei Bad Wurzach in Oberschwaben ein bedeutendes Rastgebiet für Wasservögel. Unter 230 nachgewiesenen Vogelarten finden sich zehn Entenarten. Dennoch finden zu eben dieser Zeit mitunter sogar mehrfach Jagden mit bis zu 50 Jägern statt. Geschossen werden offiziell nur Stockenten. Nachdem der See seit Mitte der neunziger Jahre auch von der seltenen Schnatterente auf dem Herbstzug in großer Zahl aufgesucht wird, werden durch die Jagd seltene Arten massiv beunruhigt und es fallen auch geschützte Vögel vom Himmel.

    Sowohl die Brutzahlen – unter anderem 60 Paare Schwarzhalstaucher – als auch die Rastgäste machen den Rohrsee zu einem Schutzgebiet internationaler Bedeutung. Bereits 1972 sprachen sich Naturschützer für ein Jagdverbot im Naturschutzgebiet aus. Aufgrund der neuen Entwicklungen fordert der NABU zusammen mit anderen Verbänden und der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft D-OG vom Tübinger Regierungspräsidenten Hubert Wickert eine Änderung der Schutzverordnung, die der herausragenden Bedeutung des Gebietes gerecht wird und die Wasservögel ungestört rasten lässt. (bo)


    Internetbearbeitung: Gerhard Lang

    Naturschutzbund Wangen